NERDHUB – der digitale Kalender Deutschlands

NERDHUB war der umfangreichste, kuratierte Kalender für die digitale Szene in Deutschland. Das Projekt dauerte knapp drei Jahre und wurde am 7. Oktober 2015 während der FuckUpNight in Düsseldorf offiziell eingestellt. Hier eine kleine Historie und die Learnings eines Medienprojekts.

Was war NERDHUB?

NERDHUB war der digitale Veranstaltungskalender Deutschlands, mit Schwerpunkt in NRW. In 13 Kategorien gab es wöchentlich bis zu 70 Events, die man unter www.nerdhub.de entdecken konnte. Täglich wurden alle Termine getwittert, wöchentlich gab es eine vollständige Übersicht im Nerdletter. Die Webseite bot die Möglichkeit die Termine nach Orten und Themen zu sortieren und sie in den eigenen Kalender zu exportieren. Getestete Geschäftsmodelle: Werbung, Event-Promotion, Advertorials, Event-Dokumentation und Liveberichterstattung, Abo-Modell für Publikationen. Projektleiter: Thomas Riedel.

NERDHUB war mein erstes Medienprojekt, mit dem ich versucht habe Geld zu verdienen. Für all die Dinge, die ein freier Journalist eigentlich so tut – Artikel schreiben, Interviews führen, Moderieren, Fotografieren, Social Media-Accounts betreuen und Agenturen beraten – brauchte ich für dieses Projekt Eigenschaften, über die man als Journalist eher selten verfügt. Das führte zu Herausforderungen, die ich nur zum Teil bewältigt bekam. Die Lektionen, die ein solches Projekt für einen Journalisten bereit hält, sind aber so umfangreich, das sie zum Standart in der Journalstenausbildung gehören sollten.

Der ganzen Geschichte ging eine schwerwiegende Infektion voraus:

Der Kalender-Virus

Als ich vor einiger Zeit nach Köln zog, um etwas mit Medien zu machen, da wusste ich nicht wohin. Also sammelte ich interessante Events in meinem Googlekalender und bettete ihn auf meinem Blog ein. Gleich neben dem Echtzeit-Tracking von Latitude und dem Check-Ins iFrame von Foursquare. Der Schlüsselmoment war, als ich auf einem Event als dieser Droid Boy mit dem coolen Kalender angesprochen wurde. Parallel dazu befand ich mich noch im Volontariat eines Familienmagazins, dessen gigantischer Veranstaltungskalender das Key-Feature war. So wurde ich mit dem Kalender-Virus infiziert. Das dieses Blog erneut einen Kalender hat, zeigt, das ich noch längst nicht geheilt bin.

Aus meinem privaten Kalender wurde ein öffentlicher persönlicher, daraus ein umfangreicher für Köln mit regelmäßigen Empfehlungen (Tipp: Kommentare lesen). Ich traf auf ein anderes Team in Köln, die einen Kalender für Entwickler bauten. Wir taten uns zusammen, und das war der Beginn von NERDHUB.

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Der erste Design-Entwurf, der genau so auch umgesetzt wurde.

Chronologie

Nicht an alle Zeitpunkte kann ich mich genau erinnern. Die folgende Historie stellt daher eine zeitliche Annäherung dar, um ein Gefühl für die Abfolge zu bekommen.

  • Frühjahr 2012 – Das Team kommt zusammen, erste Hackdays im Coworkingspace Gasmotorenfabrik in Köln Deutz.
  • 21. Juni 2012 – Thomas bekommt den Sonderpreis „Web de Cologne Mentoring“ für Droid Boy und das Anouncement von NERDHUB vom Web de Cologne auf der C’n’B Convention.
  • 3. Oktober 2012 – Wir bekommen unser erstes Promomaterial. Die Kölner Internet Union sponsort uns Klebchen.
  • November 2012 – NERDHUB Launch Wir launchen die erste Version, die in der Kölner Szene einschlägt.
  • 4. Dezember 2012 – Startplatz-Stipendium für NERDHUB. Thomas kümmert sich vollzeit um die Inhalte.
  • Frühjahr 2013 – Das Team trennt sich, da es unterschiedliche Ansichten gibt, wohin sich NERDHUB entwickeln soll. Non Profit versus Profit. Thomas Riedel ist nun Solopreneur.
  • Sommer 2013 – Start des NERDHUB Netzcast mit Adrian Richter. Außerdem beginnt Thomas für das Mediencluster NRW zu arbeiten. NERDHUB wird zu einem Nebenbei-Projekt.
  • Herbst 2013 – Neues Feature: Städte Ein spanischer Programmierer baut die Möglichkeit ein, mehrere Regionen anzulegen. Problem: Der Code weisst danach mehr Bugs auf.
  • November 2013 – Der NERDHUB Netzcast wird nach 18 Folgen eingestellt
  • Mitte 2014 – Relaunch: mehr Städte, mehr Kategorien, mehr Möglichkeiten insgesamt.
Von Ruby on Rails zu WordPress. Nicht gerade ein technologischer Fortschritt, aber so konnte Thomas wenigstens selbst Hand anlegen.

Von Ruby on Rails zu WordPress. Nicht gerade ein technologischer Fortschritt, aber so konnte Thomas wenigstens selbst Hand anlegen.

 

  • Herbst 2014 – Das Engagement beim Mediencluster endet, Zeit sich NERDHUB erneut vorzunehmen.
  • 1. Januar 2015 – Thomas setzt alles auf eine Karte: Entweder NERDHUB startet jetzt auch finanziell durch, oder es muss eingestellt werden. Launch neuer Produkte und ein klarer Fokus auf Monetarisierung.
  • August 2015 – Launch Jobportal
  • 1. September 2015 – Ankündigung Shutdown. Danach: Gespräche mit potentiellen Investoren.
  • 7. Oktober 2015 – Thomas Riedel verkündet offiziell das Ende von NERDHUB auf der FuckUp Nights Special Edition auf der NEOCOM

Die Learnings

  • Wähle dein Team in Vorschau auf zukünftige Ziele.
    Die Planungen, wo NERDHUB in einigen Jahren hätte stehen sollen, wurden nur sehr ungenau gemacht. Mehr Präzision hätte allerdings dazu geführt, das wir eventuell bemerkt hätten, das wir gar nicht zusammen passen. Hier ging das kurzfristige Ziel, überhaupt etwas zu machen, vor. Das hat Zeit und Energie gekostet.
  • Nutze dein Stipendium, um herauszufinden, was du nach dem Stipendium machst.
    In Kombination mit einem Team, für das NERDHUB ein nonprofit Projekt war, haben wir im Grunde die ersten sechs Monate nicht das getan, was eigentlich unsere Aufgabe war: Herauszufinden, wie wir das Projekt auch nach den sechs Monaten weiter führen. Das wäre nur mit weiterem Geld, oder mehr Community gegangen.
  • Was funktioniert? Testen, testen, testen!
    Wenn du dein Produkt nicht testest, kannst du es nicht an die Zielgruppe anpassen und damit auch nicht gut verkaufen. Versetze dich selbst in die Lage verschiedene (Geschäfts-)Modelle zu testen. Plane das, messe das und ziehe danach die Konsequenzen.
  • Mach dir einen Plan und halte dich daran.
    Du hast getestet und weisst was du zu tun hast. Erstelle dir eine Roadmap und halte dich daran. Dazu braucht man Disziplin und Partner (Freunde, Kollegen), die einem den Rücken freihalten.
  • Sprich regelmäßig über dein Produkt.
    Für ein journalistisches, mediales Produkt, ist es sinnvoll, regelmäßig ein Status-Update zu verbloggen. Nur wer regelmäßig User, Kunden und potentielle Investoren informiert, tut etwas dafür, das sie sich für dich interessieren und helfen. Erst als wir das Ende von NERDHUB verkündeten, meldeten sich potentielle Investoren bei uns. Das hätten wir also schon viel früher tun sollen.
  • Location, Location, Location.
    Was wäre die beste Location für ein Projekt wie NERDHUB? Berlin. Warum habe ich mit Köln und NRW angefangen? Weil ich hier erst mal den meisten Support bekommen habe. Dagegen spricht auch erst mal nichts. Dennoch muss man aus unternehmerischer Sicht sagen, das Berlin besser gewesen wäre. Außerdem: Coworkingspace. Dazu siehe nächster Absatz.

Köln ist kein Medienhub für innovative Medien-Projekte

Ein Coworkingspace ist eine gute Sache: Kaffee, Internet, Toilette, Strom, Putzfrau, Parties und Networking für einen Preis im Monat, ohne noch viel Organisieren zu müssen. In unserem Fall war es so, das wir dem Coworkingspace und Inkubator Startplatz in Köln halfen, Fuß zu fassen und er uns dafür mit einem Stipendium aushalf. Perfect Match!

Es gibt aber eine weitere Dimension, die wir so erst mal nicht bedacht hatten. Und das wurde insbesondere dann wichtig, als sich unser Team trennte und ich alleine war. Ein Coworkingspace ist ja auch ein Pool an Experten, die einem beim eigenen Projekt helfen können. In meinem Fall war ich von Startups umgeben, die aber mit dem, was ich da machte, nur wenig anfangen konnten. Das wurde mir leider erst recht spät bewusst. Denn dann hätte ich vielleicht früher bemerkt, das ich Hilfe gebraucht hätte.

In Köln, einstmals als Medienhauptstadt bekannt, hat für so etwas wie NERDHUB eigentlich keinen richtigen Space. Auch wenn im Startplatz einige interessante Events stattfinden, hätte ich mich gerne auch mal mit “Medienexperten” unterhalten, die mir klipp und klar gesagt hätte, was ich hier gerade falsch mache, oder aber, die vielleicht sogar Lust gehabt hätten, mit einzusteigen. Köln hat den Sprung von der Medienstadt zur Digitalstadt aber diesbezüglich nicht geschafft. Wo treffen sich denn hier die innovativen Medienfuzzies?

Ein großes Dankeschön

Zum Schluss darf ich mich bei vielen Menschen und Institutionen bedanken, die trotz all meiner persönlichen Fails und infrastruktureller Hindernisse unterstützt haben, wo sie nur konnten. Dazu gehören an oberster Stelle: Startplatz, Web de Cologne, Kölner Internet Union, Gero, Adrian, dem alten Team, ohne das es erst gar nicht losgegangen wäre, Liane, mit der ich zusammen das Logo designen durfte. Alle, die hier unerwähnt bleibe, die NERDHUB aber unermüdlich weiterempfohlen und gelobt haben.

Wer sich sowieso eher für meine persönlichen Empfehlungen interessierte und es schade fand, das die mit NERDHUB so gut wie verschwanden, außer man stellte mich in der Außenwelt auf einem Event, hat jetzt wieder einen neuen Anlaufpunkt. Unter “Kalender” findet ihr wieder wie früher meine handselektierten Eventempfehlungen.

2 Kommentare NERDHUB – der digitale Kalender Deutschlands

  1. Jörg

    Hallo Thomas,

    ja, wo sind denn die ganzen Leute – das ist eine sehr wichtige Frage, gestellt aus der anderen Richtung. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen: Die werkeln still vor sich hin, da man Unterstützung und mögliche Zusammenarbeit mühsam suchen muss – die Meetups gleichen einem Flickenteppich, den Nerdhub eigentlich gut zusammenhalten konnte. Es mag verschiedene Ansätze und Stellen für Meetups geben, aber irgendwie kocht in Köln gerade jeder seine eigene Suppe – manche vegan, andere machen eher Chili. Aber zusammen wird hier kaum gekocht. Vielleicht verbessert der neue “Hub” Filmschule/CGL und die geplanten Zuzüge in die Schanzenstraße die Lage in Köln. Dort fehlt noch ein Coworking-Space, der alle Disziplinen und Leute zusammenbringt, die ihr Wissen aus Forschung und Lehre, und frische Kreativität in Produkte kippen.

    Alles Gute!
    Jörg

  2. Droid Boy

    Da kann man nur hoffen, das Konferenzen, die mehr als nur eine Programmiersprache behandeln, die Leute dann zusammenführt und vernetzt. Nicht selten ist es sogar so, das man die Kölner auf einer Konferenz in Berlin oder anderswo trifft und dann dort eine Vernetzung stattfindet.

    Es gibt ein paar Kontrollfragen, über die wir nochmal nachdenken sollten:

    1) Warum müssen wir Meetups vernetzen?
    2) Was ist das Ziel der gesamten Digitalen Kölner (NRW)-Gesellschaft?
    3) welche Rolle spielen Meetups?

    LG und viel Glück mit der Filmschule!

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