Oder auch: Mit 50 Euro gegen BigTech. | Wie Pilze sprießen sie in der EU aus dem Boden: Social Media Alternativen, die ganz ohne BigTech auskommen sollen. Dafür aber gerne mal mit Passkontrolle. Das aus Deutschland stammende BizzFed bringt jetzt ein Business-Netzwerk mit OpenSource-Ansatz ins Spiel. Nach acht Wochen Laufzeit unterhalte ich mich mit dem Gründer.
Eine dieser Alternativen will BizzFed sein. BizzFed ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Einmal will es mit einer Business-Plattform im Fediverse (Wikipedia →) unterwegs sein. Das klingt zunächst widersprüchlich. LinkedIn gehört schließlich zu den Netzwerken, über das mit im Fediverse vermutlich am häufigsten verächtlich gesprochen wird. Dennoch scheint es Interesse an einem solchen Netzwerk zu geben.
Zudem bedient sich der Gründer René Hamdorf des Vibecodings. Mit einem Monatsbudget von unter 50 Euro, in dem Claude Code, Server-, und Mailkosten enthalten sind, bastelt der Norddeutsche seit fast drei Monaten am Netzwerk für das gepflegte Business abseits des Silicon Valley. Das Fediverse kann derweil durchaus als KI-kritisch bewertet werden.
Wie René diese Herausforderung angeht und was den Service Delivery Manager dabei antreibt, erfährst du im folgenden Gespräch.
Droid Boy: Was ist BizzFed und für wen ist das gedacht?
René: BizzFed ist eine LinkedIn-Alternative mit der einfachen Grundidee, all das loszuwerden, was mich an LinkedIn nervt. Das ist es letztendlich.
Droid Boy: Was hat dich denn an LinkedIn genervt?
René: Ich sehe Inhalte, die mich nicht interessieren. Ein Problem, das alle Big-Tech-Portale haben, sobald sie algorithmisch Inhalte sortieren. Der große Vorteil ist natürlich die große Reichweite. Aber alles andere, wie die Datenkrakenhaftigkeit, muss man dafür schlucken. Und da wollte ich schlichtweg weg.
Droid Boy: Das heißt, bisher gibt es keinen Algorithmus in BizzFed und du sammelst keine Daten, um sie auszuwerten?
René: Genau, dieser Aspekt wird völlig ausgespart. Natürlich muss eine kleine Anzahl von Daten gespeichert werden, damit alle darauf arbeiten können. Es wird keinerlei Algorithmus bedient. Es wird schlicht und ergreifend eine Oberfläche zur Verfügung gestellt, auf der sich alle ihren Informationsfluss so zurechtbiegen können, wie sie ihn brauchen.

Droid Boy: Das klingt, als ob du BizzFed aus einem persönlichen Impuls heraus entwickelt hast: „Das ist gerade nicht gut, wie es ist, und ich muss was tun, was das besser macht.“ Wann hattest du die Idee dazu und wie hast du dich dann daran gemacht?
René: Ich habe mit dem Gedanken schon eine ganze Weile gespielt. Vor ungefähr drei Jahren scheiterte das noch an meinen technischen Möglichkeiten. Ich kann coden, aber das ist nicht mein Beruf. Das Ganze hatte also Grenzen. Jetzt, da sich das Vibecoding so weit entwickelt hat, dass die schwierigen Fragen meines Konzepts umgesetzt werden können, habe ich das als Versuch genommen, das Projekt auch wirklich umzusetzen. Es ist also auch ein Stück weit ein Selbstversuch. Ich bin da gar nicht mit so großen Erwartungen herangegangen und bin erstaunt, was da jetzt schon zutage getreten ist.
Droid Boy: Du meinst, was softwaretechnisch da schon möglich ist und was du abliefern konntest?
René: Ja, ganz genau. Was mit Vibecoding jetzt und in Zukunft möglich ist, ist faszinierend. Man muss sich mit vielen Fragen beschäftigen: Wie sicher und wie zukunftssicher ist das Ganze? Da lerne ich jeden Tag. Im Moment ist das für mich einfach ein Kreativitäts-Booster. Die Ideen, die ich im Kopf habe, kann ich jetzt mit meinem Wissen, das ich mir über viele Jahre angeeignet habe, wunderbar verbinden, und es kommt was Gutes dabei raus. Stand heute.
Droid Boy: Was ist deine Rolle bei BizzFed? CEO, Coder? Was ist die offizielle Bezeichnung?
René: Ich habe mich Gründer genannt – schlicht aus dem Grund, weil ich das Ganze alleine gemacht habe. Mittlerweile hat sich eine kleine Gruppe gezeigt, die sehr interessiert an dem Thema ist und wahnsinnig viel beiträgt im Sinne von Anregungen und technischen Tipps. Ich bin nach wie vor alleine damit, aber es gibt mittlerweile etliche Leute, die mir dabei helfen und das genauso interessant finden wie ich.
Droid Boy: Das heißt, du hast da so eine Art Community aufgebaut?
René: Das ging relativ schnell. BizzFed wird nächste Woche gerade mal acht Wochen alt, das ist wirklich noch ein Baby. Das grundsätzliche Interesse für dieses Projekt war von Anfang an wahnsinnig groß, womit ich null gerechnet habe. Nach den wenigen Wochen – ohne jetzt groß Werbung gemacht zu haben, abgesehen von ein bisschen intensiviertem Marketing ganz am Anfang – bin ich sehr erstaunt, wie groß das Ganze schon ist. Geschweige denn, was man noch machen kann, wenn man das weiter mit ein bisschen Marketing versieht.
Droid Boy: Was ist dein Background und hast du noch einen normalen Job?
René: BizzFed entwickle ich nebenbei, abends, wenn ich Zeit habe. Ich versuche jeden Tag was zu machen. Ich komme aus Norddeutschland aus der Nähe von Kiel und bin seit über 25 Jahren in der IT in unterschiedlichsten Gebieten tätig. Im Moment nennt sich mein Job Service Delivery Manager, ich bin zuständig für die Delivery von High-End-Computern in der Wirtschaft. Davor war ich zum Beispiel zuständiger Technical Manager vom HPC-Cluster am Deutschen Klimarechenzentrum. Ich habe schon einiges gesehen, was mir jetzt natürlich auch bei BizzFed hilft, alle Punkte miteinander zu verbinden. Projektmanagement ist mir sehr nah.
Droid Boy: Das heißt, du hast einen Hardware- beziehungsweise Infrastruktur-Background und weißt genau, wie so ein Server läuft. BizzFed läuft wahrscheinlich auch auf etwas, das du selbst konfiguriert hast?
René: Die ersten sechs Wochen lief das tatsächlich bei mir zu Hause. Nachdem ich gesehen habe, wie viel Interesse besteht, wollte ich das aus verständlichen Gründen relativ schnell ändern. Jetzt läuft das Ganze auf einer deutschen Cloud bei Hetzner und hat genug Sicherheit und Ressourcen. Infrastruktur ist meine Heimat, alles andere lerne ich dazu.
Droid Boy: BizzFed ist jetzt acht Wochen online. Wann hast du den ersten Prompt eingetippt?
René: Die Idee gab es schon länger, aber es ging darum, ein Konzept zu entwickeln, das schlussendlich zu einem Prompt führt. Je genauer das Konzept, desto genauer und besser ist die Umsetzung durch die KI. Für dieses Konzept habe ich vielleicht zwei Wochen gebraucht, um das Ganze zu durchdenken und zu strukturieren.
Droid Boy: Hast du da direkt eine Markdown-Datei aufgesetzt und mit der KI diskutiert, wie man das aufbaut, um damit die Dateien zu füllen?
René: Ganz genau. Am Schluss waren es mehrere MD-Dateien, die thematisch aufgedröselt waren und so viele Details wie möglich enthielten. Ich bin da aus Projektmanagementsicht herangegangen, habe einen OpenProject-Server genutzt und das als Grundlage verwendet, um mit der KI zu diskutieren und ein gutes Gerüst für die Umsetzung zu schaffen.
Droid Boy: Wie hast du das genau aufgesetzt? Assisted Coding oder Agentenschwarm?
René: Mir war wichtig, dass die Ressourcen übersichtlich bleiben. Ich habe ein 20-Euro-Abo bei Claude, und das bildet tatsächlich die Grundlage von allem. Das reicht völlig aus, ich bin da noch nicht an meine Grenzen gekommen. Ich wollte nicht unzählige Tokens verbrennen. Ich nutze manchmal auch Antigravity oder Vibe von Mistral, so kann man sich gute Ergebnisse zusammenklauben. Für ein Projekt wie BizzFed geht das durchaus ohne riesiges Budget.
Droid Boy: Du bist momentan aber noch der Einzige, der an der Codebasis arbeitet. Planst du das zu ändern?
René: Ich habe grundsätzlich nichts dagegen. Als Norddeutscher bin ich zwar erst mal skeptisch, aber wer länger dabei ist und mit mir redet, dem lerne ich zu vertrauen, und der kann dann auch mit rein. Ich kann mir gut vorstellen, dass da noch andere Leute reinkommen, weil es ja auch ein Community-Projekt ist. Nach nur acht Wochen gibt es bereits vier weitere Instanzen von BizzFed. Da haben sich Leute so sehr interessiert, dass sie eigene Server aufgesetzt haben. Wenn da entsprechende Beziehungen entstehen, soll die Community auch Rechte am Hauptprojekt bekommen.
Droid Boy: Dass es mehrere Instanzen gibt, liegt vermutlich auch daran, dass das Projekt auf dem ActivityPub-Protokoll basiert?
René: Absolut. Ich bin ein absoluter Befürworter davon. Das ist für mich ein bisschen das Internet, wie man es sich ursprünglich mal vorgestellt hat. Es stellt eine echte Alternative dar. Man sieht ja, wie groß Mastodon mittlerweile ist. BizzFed ist Open Source und steht unter der AGPL 3.0. Der Grundgedanke ist klar: Jeder kann es sich nehmen, verändern und zu seiner eigenen Lösung machen.
Droid Boy: Bei rein KI-gecodeten Projekten gibt es oft den Vorbehalt bezüglich der Sicherheit.
René: Auch, ja. Das war ein Thema, das ich von Anfang an mitgedacht habe. Am ersten Tag kam es trotzdem zu Problemen, die ich aber sehr schnell fixen konnte. Ich habe eigene Agenten, die den Code jeden Tag durchgehen und auf Sicherheitslücken untersuchen, wenn neue Commits passieren. Man kann das schon sehr sicher machen, man muss das Thema halt aktiv mitdenken.
Droid Boy: Wie viele Menschen nutzen BizzFed?
René: Nach acht Wochen haben wir fast 700 Nutzer auf der Plattform. Täglich aktiv sind zwischen 100 und 150 Leute, die auch ständig posten. Damit habe ich für diesen Zeitraum wirklich nicht gerechnet. Mittlerweile gibt es über 12.000 Instanzen im Fediverse, die in irgendeiner Form mit BizzFed kommunizieren.
Droid Boy: Aber durch das ActivityPub Protokoll könnte man auch von Mastodon aus Beiträge auf BizzFed sehen?
René: Genau. Ein Feature von BizzFed sind zum Beispiel geschlossene Gruppen, etwa zum Thema E-Mobilität. Da kann man auch aus Mastodon heraus mit seinem Handle eingeladen werden und mitdiskutieren. Das ist der große Vorteil des ActivityPub-Protokolls.
Droid Boy: Wie hat sich die Plattform entwickelt?
René: Der Anfang mit den Marketingaktionen und Einladungen war natürlich die Phase mit dem stärksten Anstieg. Aus Angst, den Hauptserver zu überfordern, habe ich dann mit sämtlichen Marketingaktionen aufgehört. Es ist trotzdem weiter gewachsen, nur etwas langsamer. Sobald ich eine Version 1.0 mit neuer Infrastruktur habe, würde ich wieder versuchen, mehr Marketing zu betreiben. Alle Early Adopter waren extrem schnell auf der Plattform. Das Interesse ist beständig hoch und es kommen täglich neue Nutzer dazu.
Droid Boy: Erhebst du Zahlen darüber, welche Features wie genutzt werden – zum Beispiel Gruppen, Feeds oder Listen?
René: Ich erhebe dazu keine genauen Zahlen, das sind rein subjektive Eindrücke. Gruppen sind sehr beliebt. Die beiden wichtigsten und beliebtesten Features derzeit sind die Unterhaltungen in Gruppen und die Möglichkeit, sich den eigenen Feed mit Listen und Filtern so zu bauen, dass man nur sieht, was man wirklich will.
Droid Boy: Wie viel Business findet eigentlich schon auf der Plattform statt? Und wie sieht es mit den Kosten aus, wenn das Ganze größer wird? Gibt es Gedanken zu einem Geschäftsmodell?
René: Ein Business soll es definitiv nicht werden. Das ist genau das, wogegen ich angetreten bin und wovon ich mich distanzieren möchte. Ich habe mich natürlich mit Kostendeckungsmöglichkeiten im Fediverse beschäftigt – von Spendendiensten bis hin zur Vereinsgründung gibt es da ja verschiedenes. Aktuell sind die Kosten so gering, dass ich es als Hobby sehe. Sollte es größer werden, wird es eines dieser Konzepte zur Kostendeckung werden, aber ein Geschäftsmodell wird das nicht.
Droid Boy: Von welchen Kosten sprechen wir aktuell?
René: Der Hetzner-Server kostet 6,45 Euro im Monat inklusive Backup. Das Teuerste ist der Mailserver mit ungefähr 10 Euro. Viele Menschen bezahlen für ihre Hobbies viel mehr Geld.
Droid Boy: Gab es schon Moderationsherausforderungen auf der Plattform und wie gehst du damit um?
René: Ganz am Anfang gab es ein paar Menschen, die den Vibe-Coding-Ansatz negativ gesehen haben, da wurde es kurz etwas unangenehm. Das habe ich selbst moderiert. Ich habe mittlerweile ein Melde- und Moderationskonzept eingebaut: Jeder kann Nutzer und Kommentare melden, und ich werde zeitnah informiert. Bisher hält sich der Aufwand so gering, dass ich das alleine stemmen kann. Für die Zukunft ist das aber vorgedacht und könnte auch eine Aufgabe für eine Moderationsgruppe aus der Community werden.
Droid Boy: Worauf können wir uns in Zukunft noch freuen? Welche Features hast du noch in der Schublade?
René: Ich möchte die Seite so simpel wie möglich halten, mich aber auf die am besten angenommenen Features konzentrieren und vielleicht Dinge einbringen, die Big Tech nicht hat. Einige Ideen teste ich auf einer Testinstanz, halte sie aber noch unter Verschluss. Mein erster Schritt ist jetzt die Version 1.0 in den nächsten zwei Monaten, um einen sehr stabilen Zustand zu haben. Ansonsten soll es ein Community-Ding sein – über das Feedback-Formular auf BizzFed kann jeder Ideen und Bugs einreichen.
Droid Boy: Vielen Dank für das Interview.
Das Gespräch fand am 28. Juli via Google Meet statt.
Links:
- BizzFed
- BizzFed: René Hamdorf
- BizzFed: Thomas Riedel (aka Droid Boy)





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