Baut die Hupe aus

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Nach fast 10 Jahren, während derer ich an einer vierspurigen Großstadt-Hauptstraße lebe, ist das vielleicht die überraschendste Erkenntnis: Die allermeisten Autofahrer sind schwer in Ordnung. Sie brauchen keine Hupe.

Als ob ich es schon vor der Recherche zu diesem Text gewusst hätte, hat sich bei mir im Homeoffice ein gewisser Rhythmus eingebürgert, der von einer groß angelegten Studie der Columbia University aus dem Jahr 2023 als sinnvoll bestätigt wird: Alle 30 bis 40 Minuten stehe ich auf und bewege mich in gemäßigter Geschwindigkeit. Zunächst in den Westflügel ins En-Office-Bad, dann zur Küche, um die Wasserflasche aufzufüllen. Stay hydrated.

Schließlich führt mich mein Weg an das große Stulpfenster, das ich beidseitig öffne. Kaum löse ich die Versiegelung und der erste Flügel ist nur einen Spalt weit auf, dringt Geräusch von der Straße zu mir hoch in die erste Etage. Straßenverkehr, Fahrradklingel, das Summen von Elektroscootern, die zischenden Türen eines Linienbusses, die Seitentüren von Kleintransportern der Handwerker, die seit Corona erst das Haus zur Linken, jetzt das Haus zur Rechten kernsanieren und aufstocken. Wir haben einfach nicht genug Wohnungen in Köln.

Mit dem zweiten Flügel stehe ich vor einem großen Loch mit Blick auf die vier Spuren, die von einem dicken Streifen Grün (aktuell Braun) mit regelmäßig gesetzten Bäumchen getrennt werden. Im Winter sehe ich von hier den Dom, im Sommer eine Phalanx Bäume. Es ist für mich die größte Qualität meiner Wohnung, denn es ist fast, als ob ich einen Balkon hätte.

Während ich so aus dem Fenster schaue, manchmal wie ein Opa auf der Veranda der Muppet Show, manchmal wie ein Büttenredner allzeit bereit für den Kalauer, stretche ich meine Sehnen und hample ein wenig hin und her, um sowohl den Blutdruck als auch den Blutzuckerspiegel zu senken.

Dabei habe ich quasi keine andere Wahl, als Zeuge zu werden, was da auf der Straße so los ist. Und das ist in den allermeisten Fällen unspektakulär. Der Verkehr fließt in moderatem Tempo zwischen 20 bis 40 km/h sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. An beiden Enden der Straße befindet sich eine Kreuzung mit Ampeln. Sind die Ampeln rot, staut sich der Verkehr ein wenig. Kommt ein Einsatzwagen mit Sirene, fahren die meisten brav auf den Radweg oder auf die Kreuzung, selten ins Grün, um Platz zu schaffen und Leben zu retten.

Circa viermal die Stunde wird gehupt. Während ich das Straßengeräusch effektiv mit dem Schließen der Fenster aussperren kann und die Sirenen an die Notwendigkeit der Lebensrettung gekoppelt sind, fühlt sich die Hupe selbst bei geschlossenem Fenster wie die Anwendung der spanischen Wasserfolter an. Und der Grund dafür liegt vor allem darin, dass ich meine zu verstehen, warum gehupt wird.

Drei Situationen führen zur Betätigung der Hupe:

Situation 1: Jemand will ausparken. Beide Fahrtrichtungen sind gesäumt von einem Band Parkplätze. Möchte hier jemand ausparken und macht das nicht flott genug, müssen heranfahrende Fahrzeuge abbremsen.

Situation 2: In der Mitte der Straße befindet sich eine Lücke, die es beidseitig erlaubt, von einer Nebenstraße auf die Hauptstraße zu fahren oder in die Nebenstraße abzubiegen. Wer in die Nebenstraße abbiegen will, muss sich dazu links einordnen, langsamer werden und gegebenenfalls sogar warten, bis der Gegenverkehr ein Abbiegen möglich macht. Folgende Fahrzeuge müssen stehen bleiben oder das Fahrzeug rechts umfahren.

Situation 3: Jemand möchte das Reißverschlussverfahren anwenden. Hier gibt es zwei Szenarien. Im ersten möchte jemand auf die linke Spur wechseln, weil die rechte Spur aufgrund parkender Autos unbefahrbar geworden ist. Eigentlich sind die Parkplätze fürs Längsparken (Stoßstange an Stoßstange) eingerichtet. Da aber beim Schrägparken mehr Autos parken können, wird schräg geparkt. Da Autos immer größer werden (oder es sind Transporter, Lieferfahrzeuge, Wohnmobile), passiert es nicht selten, dass parkende Autos so weit auf die Straße ragen, dass ein normales Vorbeifahren nicht mehr möglich ist. Die dadurch entstandene Engstelle zwingt Autofahrende hier, sich dauerhaft einzuordnen. Das zweite Szenario entsteht durch die dauerhafte Baustelle, die für den Umbau des Hauses eingerichtet wurde. Fernwärme, Kran, Materiallagerung. Auch hier ist Reißverschlussverfahren angesagt.

In allen Situationen wird gehupt, weil gebremst werden muss. Jemand, der also keinen Bock hat zu bremsen, hupt, weil er nicht einfach weiterfahren kann, sondern seine Fahrt verlangsamen muss. Dabei unterstelle ich den allermeisten Menschen, dass sie es nicht mal böse meinen. Sie sind müde, hungrig, durstig, müssen aufs Klo, freuen sich auf den Feierabend, fühlen sich nicht gut, sind krank, sind traurig, sind überrascht oder abgelenkt, in Gedanken oder gedankenverloren. Keiner dieser Anlässe hat irgendwas mit der Gesamtsituation zu tun. Das Hupen verbessert die Situation nicht, noch ist davon auszugehen, dass hier zukünftig nicht mehr ausgeparkt, abgebogen oder eingeordnet werden wird.

Meine Gutmütigkeit kennt ihre Grenze da, wo Menschen nicht einfach nur mal kurz hupen, sondern sich wütend in die Hupe legen. Da es sich hierbei nicht um einen Fehler der anderen handelt, sondern um ihr eigenes Unvermögen, empfinde ich dieses Hupen als unnötig aggressiv. Je schlechter das Wetter, je voller die Straße, desto öfter kommt es zu so einem Hupen. Wer das dann nicht einfach auf sich sitzen lassen will, hupt zurück. Es entsteht ein Konzert wie ein akustisches Waterboarding.

Jedes dieser Hupzeichen ist gesetzlich verboten und eine Ordnungswidrigkeit. Noch nicht aufgezählt, weil sie oft weiter oben oder unten stattfinden, sind Leute, die andere anhupen, weil sie nicht schnell genug an einer grünen Ampel anfahren, hupende Autokorsos aufgrund von Hochzeiten und gewonnenen Fußballspielen oder das Grüßhupen oder Ankündigungshupen.

Besonders ärgerlich und unverständlich sind für mich die Leute, die hupen, weil es ihnen nicht schnell genug geht. Ich kann mir das nur so erklären, dass ihnen nicht klar ist, dass sie absolut keinen Einfluss darauf haben, wie schnell sie von A nach B kommen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in deutschen Großstädten liegt aufgrund der Ampelschaltungen und der Dichte des Verkehrs oft um die 20 km/h. Köln ist da eine der schnelleren Städte mit 23 km/h. Das ist die eigentliche Geschwindigkeit, mit der man in einem Auto in der Stadt ans Ziel kommt. (Wenn man Glück hat, kann man eine Stadtautobahn nutzen, die den Wert deutlich erhöht. Aber gerade im Feierabendverkehr sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit erneut dramatisch, selbst auf der Autobahn). Wenn jetzt jemand eine Sekunde länger braucht anzufahren oder du etwas abbremsen musst, damit sich jemand einfädeln kann, veränderst du diese Geschwindigkeit nicht. Ich wünschte, du wärst einfach etwas gelassener.

Mein Motto ist daher in so vielen Situationen: Bremsen und lächeln statt hupen und motzen. Wir sitzen alle in derselben Durchschnittsgeschwindigkeit.

Ein weiterer Blick in die Straßenverkehrsordnung sieht zwei Situationen vor, warum überhaupt Hupen erlaubt ist. Die erste Situation ist nur außerhalb der Stadt erlaubt. Und zwar, um ein Überholmanöver auf einer Landstraße anzukündigen. Hier ist die Nutzung der Schalleinrichtung, wie es so schön im Amtsdeutsch heißt, oder die Lichthupe erlaubt. Wir sind uns hier hoffentlich einig, dass wir das heute als superaggressives Verhalten kategorisieren würden. Das kann weg.

Der zweite Grund ist die Warnung vor Gefahr. Wenn ein Fahrzeug zurückrollt und einen über einen Zebrastreifen laufenden Passanten anzufahren droht. In meinen gut 40 Jahren Straßenverkehr habe ich so eine Situation noch nie erlebt, ihr? Oder es wird ein vorausfahrendes Fahrzeug gewarnt, einen Fußgänger oder Fahrradfahrer aufgrund des toten Winkels zu überfahren. Der tote Winkel ist in der Tat eine nicht zu unterschätzende Gefahr, gerade bei Lkw. Da die Zahl der Toten in solchen Situationen trotz der Anwesenheit von Hupen nicht gesunken, sondern noch gestiegen ist, sind seit dem 7. Juli 2024 Abbiegeassistenten ab 3,5 Tonnen zwingend vorgeschrieben. Nach niederländischem Vorbild werden mehr und mehr Kreuzungen zu Schutzkreuzungen ausgebaut, um Radfahrer vor Rechtsabbiegern zu schützen. Trotz Hupe.

Wofür die Hupe eingesetzt wird, ist also in den allermeisten Fällen eine Ordnungswidrigkeit. Wofür sie eingesetzt werden darf, ist eigentlich kein Thema mehr. Darum plädiere ich dafür, die Hupe EU-weit generell zu verbieten. Damit würde es nicht nur friedlicher auf unseren Straßen zugehen. Es würde auch ein bisschen leiser werden.

Dagegen kann wirklich niemand was haben.

Nachdem ich meine Fenstergymnasik abgeschlossen habe, schließe ich wieder das Fenster. Ich nehme mir vor heute mal wieder die Tischplatte zu reinigen. Reifenabrieb ist ein unangenehmer Straßenstaub.

Foto von Ashton Southall auf Unsplash | Das Foto ist nur ein Symbolbild und zeigt nicht die tatsächliche Situation.

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