Ach geh doch weg mit deiner Datenbrille, du Glasshole

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Sind wir schon wieder so weit: Obwohl wir schöne neue Technologien haben könnten, verbocken wir es wieder mal. Ganz aktuell geht es um Metas Smart Glasses, die bei mir auf der Nase sitzt, da ich diesen Artikel schreibe. Bin ich jetzt ein Glasshole 2.0?

Seit gut zwei Jahren trage ich nun schon eine Ray-Ban Meta (MRB) der ersten Generation. Die Brille ist Metas x-ter Versuch uns was auf die Nase zu setzen, was vielleicht mal das Smartphone ablösen soll. Ich glaube, dass ist zwar ein starkes Narrativ, wird aber so niemals passieren. Dazu wann anders mal ein eigener Artikel.

Als ich mir die Brille besorgte, war mein Ansatz: Ich will sie in aller Tiefe verstehen. Als Brillenträger und als vermeintlich moderner Mensch, der aktuelle Tools und Technologien nutzen will, um produktiver und innovativer in meinem Job zu sein. Hier folgt jetzt keine tiefe Analyse. Bei Interesse gerne mal in die Spatial Realities Spezialfolge () reinhören.

Ich habe die Brille also mit meiner Sehstärke (Gleitsicht) und Transition-Gläsern ausgestattet (Sonnenbrille in der Außenwelt). Sie ist also auch dann für mich nützlich, wenn die Batterie leer ist oder sie schlicht ausgeschaltet ist. Es gibt Tage, da ist die Brille nicht an.

Nach zwei Jahren kann ich glaube ich ganz gut beurteilen, wofür so eine Smart Glasses wirklich nützlich ist, zumindest in meinem Leben:

Als Open-Ear Bluetooth-Headset. Es ist super komfortabel zu telefonieren, wenn die Brille Kopfhörer und Mikrofone hat. Nix für die Bahn, weil es da zu laut ist, aber super für Park-Spaziergänge und im Home-Office. Als Lautsprecher für Voice-Messages und den Third-Screen. Das Feature alleine überzeugt mich so sehr, dass ich zukünftig immer eine Brille kaufen würde, die dieses Feature hat. Gerne auch mit langer Akkulaufzeit. Generation 1 der MRB ist da etwas schwach auf der Brust. Generation 2 hat die doppelte Laufzeit. Andere Hersteller bieten noch mehr.

Kameras. Die MRB hat eine Kamera, die bei Tageslicht durch ihre ziemlich hohe Qualität überrascht. Videos sind so stark stabilisiert, dass es bisweilen wie ein Drohnenflug aussieht, wenn ich damit auf meinem Rad in den Mediapark fliege. Mega. Als Creator ist die Kamera nützlich, weil sie eine einzigartige Perspektive bietet. Im privaten Umfeld ist sie nützlich, weil sie über WhatsApp eine zusätzliche Perspektive bietet, wenn man der Familie beim Kochen eine Frage stellt. Als Vater ist sie der obligatorische Videokamera-Ersatz. Wir Väter wollen ja jeden Entwicklungsschritt minutiös dokumentieren.

Künstliche Intelligenz. Nützlich ist die Sprachsteuerung, um freihändig Fotos und Videos zu machen. Aber Features wie „sag mir was du siehst“ sind zwar beim ersten Mal überraschend, im Alltag aber nur für Menschen mit Sehbehinderung nützlich. Es passiert extrem selten, dass man das eine vegane Gericht einer Speisekarte finde muss, die komplett auf chinesisch ist. Die wirklichen Einsatzzwecke sind selten und diese Funktionen habe ich außerhalb von Demonstrationen auf Events nie genutzt. Das könnte aber auch daran liegen, dass es quasi keine Integration mit anderen Produkten außerhalb von Metas Ökosystem gibt. Es bleibt also erst mal ein Gadget.

Features wie „Live-View“ oder „Fokus-Mode“ sind in Deutschland noch nicht verfügbar, darum kann ich dazu noch nichts sagen.

Nach zwei Jahren habe ich eine Mängelliste aufgestellt: Die Mikros geben langsam ihren Geist auf. Ist es draußen zu kalt, funktioniert der Akku nicht (unter 5 Grad reicht dafür schon). Wasser ist Gift, man putzt also mit Mikrofasertuch und mildes Fensterreinigungsmittel).

Ein aktueller Bericht des Schwedischen Tagblatts () offenbart jetzt einen Datenschutzsupergau. Videos von nackten Menschen (und mehr) haben offenbar den Weg von der Brille aufs Handy auf Metas Server und damit nach Kenia auf die Bildschirme von Mitarbeitenden gefunden, die Daten für das Training von KI annotieren. Die Praxis ist nicht unüblich, das will separat diskutiert werden. Daraufhin gab die Presse schön Gas, wodurch es jetzt zumindest in Kommentarspalten und auch in meinem Discord Menschen gibt, die ziemlich feindlich gegenüber Menschen sind, die so eine Brille tragen. Ein Glasshole-Moment (). Schauen wir mal, ob der sich hält.

Ich habe daraufhin mal geschaut, welchen Weg Daten, die auf der MRB anfallen, nehmen. Als Quelle stehen die Datenschutzbestimmungen von Meta zur Verfügung. Das ist allerdings etwas kompliziert, weil man nicht nur ein Produkt nutzt, sondern mehrere: Die Hardware, Meta View (das ist die App mit der man die Brille einrichtet und Daten von der Brille auf das Handy zieht), Meta AI und eventuell Plattformen, auf die wir Bilder und Videos teilen.

Grundsätzlich gilt: Wird zum Erstellen Meta AI verwendet, beispielsweise weil per Sprache die Videoaufnahme gestartet wird, dann besteht die Möglichkeit, dass die Videos auf Metas Server landen, wo sie für das Training von KI verwendet werden. Meta AI lässt sich in der Meta View App komplett deaktivieren. Nicht unmöglich ist, dass die Kamera selbst dann aufnahmen macht, wenn MetaAI nur für eine Frage aktiviert wird. Dazu fehlt bislang ein harter Beleg. Völlig unwahrscheinlich ist das nicht, weil die Diode aktiv ist. Die Brille „schaut“ also vorsorglich schon mal.

Unter „Brille und Privatsphäre“ gibt es die Möglichkeit die Optionen „Zusätzliche Daten teilen“ als auch „Cloud Medien“ zu deaktivieren. Die erste Option betrifft Daten wie Geräteinformationen und Absturzdaten, die so ähnlich auch andere App-Hersteller sammeln, um herauszufinden, wieso zum Beispiel eine App abstürzt. Zweiteres soll notwendig sein, wenn man Fotos und Videos in anderen Apps teilen möchte. Ich habe beide Optionen deaktiviert und kann dennoch Medien teilen.

Grundsätzlich werden alle Meta-Daten (nicht wie in dem Name Meta, sondern als Daten-Bezeichnung) immer mit Meta geteilt, no matter what.

Meine Empfehlung also an alle, die die Brille auch zukünftig nutzen möchten, und so datensparsam wie möglich sein wollen: Deaktiviert Meta AI, deaktiviert die beiden oben beschriebenen Optionen.

Soweit ich das in den Datenschutzbestimmungen sehe, sollte man damit save sein was den Upload von Fotos und Videos angeht. Werden Fotos und Videos über den Knopf an der Brille gemacht, sollten die nicht auf Metas Servern landen und damit auch nicht von anderen Menschen gesehen werden. Bei der Nutzung der Brille als Bluetooth-Headset gibt es keine Datenschutzbedenken.

Sobald ihr übrigens Medien auf Facebook oder Instagram ladet, seid ihr eure Daten wieder los und findet sie wieder in Kenia. Egal ob ihr die Fotos und Videos mit der MRB oder eurem Smartphone gemacht habt. Das ist euch hoffentlich klar. WhatsApp-Messages sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Eure Storys und Kanäle auf WhatsApp nicht. Achtet da also noch Mal drauf.

Meta macht es uns übrigens maximal schwierig der Verwendung unserer Daten auf Facebook und Instagram für das Training zu widersprechen. Das ist nicht einfach nur ein Knopf, sondern ein komplizierter Weg, wo man dann seine Emailadresse eintragen muss, die mit dem Konto verknüpft ist. Was soll das!?

Wie bewerte ich jetzt Metas Vorgehen? Mit der MRB haben sie ein Produkt auf den Markt gebracht, das die Entstehung eines neuen Wearable-Segments verursacht hat. Über 50 verschiedene Modelle von ca 30 Anbietern gibt es mittlerweile da draußen. Meta hat als First-Mover einen Marktanteil von 80 Prozent. Mit ihrer Praxis Daten zu verarbeiten, erweisen sie dem Segment jetzt einen Bärendienst (). Mehr noch: Das Glasshole-Phänomen scheint Meta völlig egal gewesen zu sein, als sie sich darüber Gedanken gemacht haben, wie ihre Smart Glasses datenschutztechnisch behandelt werden sollen. Vielleicht ist ihnen da der Trump zu Kopfe gestiegen, vielleicht waren sie schlicht unvorsichtig. Es könnte sich als richtig dumm erweisen und schädlich für eine eigentlich nützliche Gerätekategorie.

Richtige Alternativen gibt es trotz der großen Auswahl der Geräte für mich bisher noch nicht. Viele asiatische Modelle finde ich schlicht hässlich. Oder haben ähnliche Probleme wie Meta: Rokid schickt laut ihrer Datenschutzbestimmungen die Daten an die KI von Alibaba, wo sie dann sicherlich einer ähnlichen Behandlung zugeführt werden wie bei Meta.

Ich bin auf HTCs VIVE Eagle gespannt, die 2026 auf den Markt kommen soll, ebenso wie die Brille von Samsung in Kooperation mit Google. Während bei HTC der Datenschutz ziemlich ernst genommen werden dürfte, müssen wir bei Google/Samsung erneut ganz genau hinschauen.

Worauf wir eigentlich nicht warten müssen sollten: Dass es Mitbewerber besser machen mit den Daten und Meta sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt etwas zu ändern. Denn das Kind ist damit ja schon in den Brunnen gefallen. Ich frage mich ernsthaft, warum wir sowas wie den Digitale Services Act haben, wenn die EU dennoch zahnlos bleibt. Der DSA kann zwar ganz schlimme Dinge wie die Gesichtserkennung nahezu unmöglich machen. Alles darunter wird aber immer noch sehr lax behandelt. Da müssen wir ran!

Bin ich jetzt ein Glasshole? Das müssen andere aufgrund meines Verhaltens sagen. Ich werde die Brille auch in Zukunft noch tragen und sie als Headset nutzen und für Bild und Videoaufnahmen nutzen. Allerdings freue ich mich in der Tat, wenn es endlich Alternativen gibt. Solltet ihr mir begegnen, geht davon aus, dass ich nicht spontan oder heimlich filme, und dass in den meisten Fällen die Brille sowieso aus ist. Sprecht mich gerne drauf an 🙂

Empfehlung: Spatial Realities: E123 – Ist das Metas Glasshole-Moment? →

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