Ich bin für ein Social-Media-Verbot

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Ich bin dafür, und das hat gute Gründe, die ich hier erkläre.

Wie würde eine ideale Medienlandschaft aussehen, die Menschen glücklich, unterhalten und gebildet zurücklässt und in der die Demokratie aufblüht?

Klar ist: Die aktuelle Lage entspricht eher nicht dieser Landschaft. Wir sehen große Machtverschiebungen, die zur Folge haben, das mediale Öffentlichkeit nicht von uns selbst in der EU sondern von außerhalb geschaffen wird. Plattformen verändern die politische Landschaft. Die strukturellen Einflussnahmen und Abhängigkeiten sind immens.

In der aktuellen Diskussion um ein Social-Media-Verbot geht es auch um diese Verschiebungen. Aber vor allem darum, was diese Plattformen mit unseren Kindern machen.

Die negativen Auswirkungen auf unsere Kinder sind mittlerweile gut dokumentiert und belegt. Netzwerke wie TikTok bauen ihre Software so, dass ihre Nutzenden möglichst stark abhängig werden. Das hat Auswirkungen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit aller Menschen. Insbesondere von Kindern, die in ihrer Entwicklungsphase empfindlich gestört werden können.

→ Netzwerke können so wirken, weil Kinder nicht gegen ihre Software-Tricks gewappnet sind. Das Argument an dieser Stelle könnte sein, dass wir Kindern die nötige Kompetenz mitgeben, um mit der Manipulation der Netzwerke klar zu kommen. Die Forderung nach Medienkompetenz ist alt. Und tatsächlich wird Medienkompetenz in Schulen auch angeboten. Allerdings wirkt das wohl nicht. Das könnte daran liegen, dass Medienkompetenzvermittlung nicht in ausreichendem Maße oder uptodate geschieht. Oder dass Medienkompetenz nur bedingt wirksam ist.

Was auch immer der Grund dafür ist: Um kurzfristig den Einfluss der Plattformen auf unsere Kinder zu reduzieren, ist ein Verbot notwendig.

→ Verbote funktionieren. Sie reduzieren nachgewiesenermaßen dramatisch den Einfluss. Beispiele dafür gibt es reichlich. Das bedeutet allerdings nicht, dass es immer auch einen bestimmten Prozentsatz an Kindern gibt, die sich den Verboten widersetzen und trotzdem mal an einer Zigarette ziehen oder mit 14 in der Kinderklinik entgiftet werden. Bei Verboten geht es nicht darum zu 100 Prozent sicherzustellen, dass nie wieder ein Kind Alkohol trinkt. Dafür müsste man Alkohol insgesamt verbieten. Mord ist strafbar. Dennoch geschehen immer noch Morde. Würden wir deshalb behaupten, ein Mord-Verbot sei sinnlos? Jegliche Technologie, die wir einsetzen, fordert Opfer. Darum regulieren wir Technologie, damit die Anzahl der Opfer so gering ist, dass wir das Gefühl haben, der Nutzen überwiegt die Kosten. Diese Regulierung muss von Zeit zu Zeit nachgezogen werden.

Keine andere technologische Entwicklung ist so schlecht reguliert wie Social Media.

Es wird Kinder geben, die um ein Social-Media-Verbot herumkommen werden. Sie sind clever und haben sich das dann irgendwie verdient. Allerdings ist das kein Argument kein Verbot zu haben, wie ich oben gezeigt habe.

→ Ein Social-Media-Verbot beschränke die Möglichkeit sich kreativ auszudrücken. Wenn Social Media der einzige Weg für Kinder ist, sich kreativ auszudrücken, ist ein Social-Media-Verbot notwendig.

→ Ein Social-Media-Verbot führe zum Verlust sozialer Kontakte. Wenn ein Kind ausschließlich Kontakte via Social Media hat, ist ein Social-Media-Verbot notwendig.

→ Ein Social-Media-Verbot sei datenschutztechnisch kaum umzusetzen. Das ist falsch. Technisch ist das lösbar und keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Eine Altersverifikation ist so möglich, dass keine biometrischen Daten zentral gespeichert werden müssen, die Pattformen keinen Zugriff auf die Daten bekommen und keine Blockchain dafür eingesetzt werden muss.

→ Wenn ein Social-Media-Verbot die Informationsfreiheit der Kinder beschneidet, müssen wir auf der Stelle Social Media verbieten.

→ Wenn digitale Teilhabe über Social Media als die einzige Art der Teilhabe verstanden wird, müssen wir auf der Stelle Social Media verbieten.

→ Ein Social-Media-Verbot löse nicht das Problem, dass Plattformen generell verantwortungsvoller agieren sollten. Das ist korrekt. Wir müssten generell fundamental anders mit Plattformen umgehen. Leseempfehlung: „BigTech muss weg

→ Wenn Gegenargumente zu einem Social-Media-Verbot für Kinder dazu führen, dass sich am Status Quo nichts ändert, ist ein Social-Media-Verbot notwendig.

Es ist ja jetzt nicht so, dass von Seiten der Politik ein Wille zu spüren ist, das Medienbildungsprogramm dramatisch anzupassen. Es passiert de facto nichts. Gesellschaftlich besteht Konsens, dass mehr Medienkompetenzbildung notwendig ist. Es ist eine Binse, dass wir durch ausreichend Bildung die meisten unserer Probleme lösen könnten. Es ist eigentlich klar, was zu tun ist, damit Kinder mit den negativen Effekten von Social Media umgehen lernen.

Aber es tut sich nichts.

→ Der negative Einfluss von TikTok und Co ist mittlerweile so groß, dass ich persönlich die Lage als dramatisch einschätze. Für mich ist das mittlerweile ein Notfall geworden, den wir kurzfristig mit einem Verbot begegnen müssen.

→ Das ist allerdings nicht das Ende. Mit einem Social-Media-Verbot wehren wir zwar eine Gefahr ab. Zu der oben schon angedeuteten optimalen Mediengesellschaft kommen wir damit aber nicht. Die erreichen wir nur, wenn wir BigTech und die dominanten Social-Media-Plattformen grundsätzlich anders regulieren, um ihre Wirksamkeit auf die Demokratie dramatisch zu reduzieren. Indem wir europäische Alternativen schaffen, die aufgrund der Regulierung der bereits bestehenden Plattformen überhaupt eine Chance haben zu funktionieren. Und in dem wir den Bildungsschieber ganz hoch auf Anschlag schieben.

Ich kann gar nicht genug betonen wie wichtig Bildung für uns als demokratische Gesellschaft ist.

So lange wir das nicht erkannt haben, bleibt uns nichts anderes übrig als die Verbotskeule zu schwingen. Wir haben die Wahl, wofür seid ihr?

Foto von Ante Hamersmit auf Unsplash

Kommentare

4 Antworten zu „Ich bin für ein Social-Media-Verbot“

  1. Avatar von Thomas

    Sehe ich komplett anders.

    Soziale Kontakte: Niemand spricht von „einzig“, aber ein Verbot verschließt die Augen davor, dass soziale Kontakte heute vollständig anders funktionieren und Beziehungen anders funktionieren. Denk mal an LGQ-Themen: hier auf’m Dorf hat das Kind keinerlei Kontakt damit, social macht ihm das viel einfacher Kontakt zu finden. „Einzig“ ist auch Quatsch, weil jedes Kind zwangsläufig Schulkontakte hat und pflegt.

    Ersetze im Satz „Wenn ein Kind ausschließlich Kontakte via Social Media hat, ist ein Social-Media-Verbot notwendig.“ Social Media durch Brief und Telefon, und es wird offenbar, wie absurd das ist.

    Das Problem sind nicht die Kids, das Problem sind die Anbieter. Und wir sollten bitte nicht so tun, als hätten wir keine Regeln – wir müssten sie mal durchsetzen.
    Wie wäre es mit einem „Teen per Default“, wie es Discord gerade einführt? Ich als 45-jähriger Dude will den schlechten Kack von Social genausowenig; wieso muss ich ihn also erleiden?

    Wir tun so, als wäre Social Media Alkohol und nicht anders zu machen – doch, man kann auch alkoholfreies Social anbieten.

    Ich bin mit Chats, Foren, rotten.com und wanderend CDs auf’m Schulhof aufgewachsen. Natürlich befeuert Social Media das negative Bild mehr, die Mechaniken waren vor 20 Jahren aber nicht anders.

    Ein Social Media Verbot ist so dermaßen kurz und an der Lebensrealität vorbei gedacht. Digitale Teilhabe kann man nicht wegstreichen, nur weil man den Aufwand nicht treiben will, dass sich Plattformen an bestehende Gesetze halten.

    Algorithmen sind Gift für uns alle – nicht nur für Kids: https://gigold.me/blog/algorithmen-gift-kinder

    Das riesige Problem ist schlichtweg, dass die Plattformen nicht endlich als Herausgeber verstanden werden – was sie aufgrund der Algorithmen sind. Dazu fingen übrigens diese Woche 2 Prozesse in Kalifornien und New Mexio an; und die EU mahnt TikTok wegen des Algo-Designs – *das* sind die richtigen Schritte.

    Jm2c

  2. Avatar von Droid Boy

    Hi Thomas, wir sind eigentlich gar nicht so unterschiedlicher Meinung. Für mich ist das was du vorschlägst, genau der Weg. Es gibt nur ein Problem: Ich sehe es nicht passieren. Ich bin da mittlerweile so enttäuscht und deprimiert, dass ich darauf nicht mehr warten und nicht mehr hoffen will. Ich ziehe jetzt quasi die letzte Option: Das Verbot.
    Gibt noch einen Punkt, wo wir nicht ganz einer Meinung sind: Wenn eine einzige Plattform, oder ein Weg die einzige Möglichkeit ist. Wenn Social Media der einzige Weg ist frei zu sein, sich mit anderen zu verbinden, sich auszudrücken, dann liegt etwas im Argen. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich Technik doof finde und wieder zurück zu Papier will. Social Media sollte nicht der Ausgleich verbogener gesellschaftlicher Zustände sein. Und schon gar nicht BigTech. Bin mir übrigens sicher, dass diese Teens genau die sind, die trotz Verbote in der Lage sein werden, sich zutritt zu verschaffen 😉

    Ich will glauben, dass wir das mit Bildung und Regulierung hinbekommen. Aber ich sehe nicht, dass es passiert. Bitte überzeugt mich vom Gegenteil.

  3. Avatar von Droid Boy

    Es gibt übrigens eine Sache, in der ich mir selbst widerspreche: So wie eine Regulierung und Bildung wie wir sie fordern niemals kommen wird, wird es in Deutschland auch kein Social Media Verbot kommen 😉 Ich kann also für alles mögliche sein. Ich wäre überrascht, wenn überhaupt irgendwas passiert 😉

  4. Avatar von Thomas

    > sind eigentlich gar nicht so unterschiedlicher Meinung

    Sehe ich auch 😉

    > Aber ich sehe nicht, dass es passiert. Bitte überzeugt mich vom Gegenteil.

    Kann ich nicht 😉
    … weil die EU nicht durchzieht und bspw. Deutschland sich auch bei einem Verbot auf die EU beruft. Aber ich habe Hoffnung – das sich die Plattformen bewegen, weil sie in verschiedenen Ländern wie Frankreich, USA und Co unter Druck kommen. Schauen wir mal.

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