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Interview mit Mic über Freifunk, das Datenklo und den CCC #SIGINT

Das Konzept Freifunk kenne ich schon eine Weile. Zum ersten Mal davon gehört habe ich am 29. April 2010 als das Küchenradio darüber sendete. Mittlerweile pflege ich die Treffen der Freifunker aus Düsseldorf, Köln, Bonn und dem Rheinland regelmäßig in NERDHUB ein. Allerdings war es mal Zeit mit den Freifunkern ins Gespräch zu kommen und bin deshalb an den Freifunker-Stand auf der SIGINT gegangen. Was folgte war ein Interview, das in ein klasse Gespräch mündete. Denn dort traf ich Mic und er erklärte, das Freifunk an die Ursprünge des CCC anknüpfe. Vom Datenklo zum Freifunk.

Droid Boy: Was ist die Idee von Freifunk?
Mic: Die Idee ist eine Netzwerkinfrastruktur aufzubauen, die der Community gehört , die die Menschen, die sie nutzen, an dem Ort, an dem sie sich befinden, selber schaffen und sich darüber informieren und sich damit beschäftigen können.

Droid Boy: Warum ist sowas notwendig?
Mic: Es ist nicht notwendig. Aber es bringt uns eine Menge.

Droid Boy: Und was?
Mic: Wir lernen andere Leite dadurch kennen,  wir arbeiten mit ihnen zusammen. Das transferiert Wissen, das schafft Toleranz und Respekt zwischen den Leuten und öffnet uns für neue Orte und neue Ideen. blog_freifunk2

Droid Boy: Im Angesicht von Prism und Co: Kann Freifunk eine Struktur sein, um sich der Überwachung zu entziehen? Welche Rolle kann Freifunk da spielen?
Mic: Die Rolle, die sie spielt, ist die Dezentralisierung des Netzwerks. Was wir momentan haben ist, das die Menschen im Normalfall bei sich zu Hause mit ihrem Breitbandinternetanschluss und ihrem WLAN-Accesspoint im Netz sind und da vielleicht ihren Rechner und noch einen zweiten Rechner und ihr Smartphone vernetzen. Aber das sind erstmal nur ihre Geräte und die Geräte der Familie. Wenn sie dann mit anderen Menschen kommunizieren, dann verwenden sie eine Hierarchie. Sie haben den Internetzugang von ihrem Provider und den Nutzen sie, um im Netz zu surfen. Bei Freifunk ist es möglich, ähnlich wie auf einer Lan-Party, das die Leute direkt mitreinander vernetzt werden und direkt miteinander kommunizieren.

Droid Boy: Okey, also wie kann ich Freifunk nutzen?
Mic: Wenn du unterwegs bist und an einer Bushaltestelle stehst und ein Freifunk-WLAN findest, dann kannst du das einfach nutzen. Vorteil: Dir steht mehr Bandbreite zur Verfügung und du verbrauchst den Traffic deines Datentarifs nicht. Es gibt aber auch Leute, die haben in ihrer Wohnung keinen Internetzugang und die vernetzen sich dann mit ihrem Nachbarn.

Droid Boy: Und wie kann man selber zum Freifunker werden?
Mic: Jeder kann mit einer Freifunknode selbst zum Anbieter werden. Eine Node ist ein Knotenpunkt, üblicherweise ein Accesspoint, wie es sie im Geschäft zu kaufen gibt, der aber mit einer alternativen Software bespielt wurde.

Droid Boy: Und dann kann ich mein Internet mit anderen teilen.
Mic: Wo du gerade “mein” Internet sagst: Das Internet gehört niemandem. Das Internet ist ein globales, dezentrales, universelles Telekommunikationsmittel. Das macht es so toll, aber wir möchten es besser machen, weil wir das Protokoll, dass das ermöglicht, über noch mehr Netzwerke verfügbar machen. Freifunk baut ein lokales Netzwerk auf über das das Internet geroutet werden kann – Rechner kriegen Adressen und können darüber im Internet kommunizieren. Aber es ist halt nicht nur für Youtube da. Wir maximieren das Konzept.

Droid Boy: Kann man das mit jedem Router machen?
Mic: Nein. Freifunk basiert auf der Linux-Distribution OpenWRT. Die gibt es deswegen, weil Cisco mal einen Router für die Leute zu Hause rausgebracht hat, damit eine freie Softwarelizenz verletzt hat, dagegen geklagt wurde und daraufhin der Code dafür freigegeben wurde und dann ein alternatives Betriebssystem entwickelt wurde. Inzwischen gibt es viele Geräte, die mit diesem Betriebsysstem kompatibel sind und die Hersteller wehren sich nicht unbedingt dagegen. Auf unserer Webseite gibt es eine Liste kompatibler Geräte, das fängt bei 16 € an. Wenn du dir einen kaufst empfehle ich dir deinen zu Hause nicht zu ersetzen, sondern den Freifunk-Node dazuzustellen.

Droid Boy: Was für Software und Protokolle kommen da genau zum Einsatz?
Mic: OpenWRT ist ein Linux, kommt mit einer BusyBox Shell mit ein bisschen init Script, ist für ein embedded Device ausgelegt. Verbraucht relativ wenig Speicher und hat halt ein Packet-Management-System, mit dem ich viele Dinge installieren kann. Es ist auf Routinganforderungen spezialisiert und hat Wireless-Tools dabei. Wir benutzen hauptsächlich B.A.T.M.A.N. (Better aproach to mobile adhoc Networking). Das ist ein Toolkit, das mobiles adhoc-Netzwerken möglich macht durch einen speziellen Treiber im Kernel, der ein neues Netzwerkinterface aufmacht. Darüber vermashen sich dann die Knoten. Damit kann ich dann so kommunizieren als ob ich mein Netzwerkkabel in den Switch reingesteckt hätte, nur das es halt über Funk geht. Dafür gibt es ein Tool, um anzuzeigen welche Nodes unmittelbar und welche nur mittelbar über andere hinweg erreichbar sind.

Droid Boy: Mit welchen Problemen habt ihr zu kämpfen.
Mic: Mit der Störerhaftung.

Droid Boy: Wichtig, wenn man sein Lieblingscafe davon überzeugen möchte ein offenes WLAN anzubieten. Wie kann Freifunk da helfen?
Mic: Alle Freifunk-Communities haben das Problem, das sie im Moment noch dafür verantwortlich gemacht werden können, was andere übere ihren Zugang anstellen. Üblicherweise kommt dann eine Abmahnung von einem Anwalt. Das verursacht Abmahnkosten. Wir haben die Erfahrung gemacht, das es Kanzleien gibt, die genau danach Ausschau halten. Wenn sie hören es handelt sich um Freifunk, machen sie meist recht schnell einen Rückzieher. Das liegt daran, das wir in der Freifunk-Community stärkeren Widerstand leisten.

Droid Boy: Läuft der ganze Freifunk-Traffic nicht sowieso über einen schwedischen Server?
Mic: Unterschiedlich, je nachdem, wie das der Betreiber des Freifunk-Knotens entschieden hat, wohin der Traffic gehen soll. Die Betreiber des Netzes organisieren das normalerweise so, das es einfach ist, also das die Knoten automatisch irgendetwas tun, um den Betreiber des Knotens vor Repressalien zu schützen.

Droid Boy: Das heisst, wenn man das Mash-Netz verlässt, wird man erst mal über einen Anonymisierungsserver geschickt.
Mic: Wir sagen dazu: Das geht alles durch Schweden, weil es in diesem Sinne ein freies Land ist, weil die Provider da nicht dazu gezwungen werden Logdateien zu führen, in denen steht, wer sich wann wo eingeloggt hat und die einem dann sogar im besten Fall vertraglich garantieren, das sie das nicht tun.

Droid Boy: Das heisst alle die ein Freifunk-Netz benutzen, können sicher sein, das sie das anonym tun?
Mic: Nein. Erstens mal nicht, weil es ein offenes WLAN ist und sie selber dafür sorgen müssen, das eine Ende zu Ende Verschlüsselung mit ihrem Kommunikationspartner da ist, was dann wiederum durch die Auswertung der Metadaten nicht wirklich für Anonymität sorgt. Die Metadaten müssen “drin” sein. Wenn du anonym sein möchtest sorgst du am Besten für einen eigenen Anonymisierungstunnel. Und zweitens ist Freifunk ja kein einheitliches Produkt, was von der Community entwickelt wurde, was das etwa als Feature hat. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen an diese Problematik. Keiner würde dafür garantieren. Man versucht einfach nur es möglichst gut zu machen. Es gibt noch einen weiteren Punkt, den ich ansprechen will. Wir möchten Aufklärung betreiben, deswegen müssen diese Differenzen aufrecht erhalten werden, weil dadurch auch Kommunikation aufrecht erhalten bleiben muss. Allein schon das Menschen merken, das sie jetzt plötzlich auf YouTube bestimmte Videos gucken können, weil sie eine schwedische IP haben, aber dann doch nicht ganz anonym sind, also das das eine nicht unbedingt das andere bedingt, sorgt für viel Aufklärung. Das ist auch ein Grund, warum ich persönlich bei Freifunk geblieben bin.Wir führen fort, was schon bei der Gründung des CCC wichtig war.

Droid Boy: Und was ist das?
Mic: Der CCC hat sich zu einer Zeit gegründet, in der es üblich war, das man von einem Postbeamten den eigenen Modemanschluss abnehmen lassen musste. Das heisst da kam ein Beamter zu dir nach Hause, hat sich deine Anlage angeguckt, die Telefonleitung, wo sie zu deinem Modem führt, wo dein Rechner steht und hat da alles überprüft und bewertet und dir dann eine Erlaubnis erteilt das zu betreiben. Das wurde stark kritisiert, vor allem natürlich in den Hackerkreisen. Der CCC hatte es sich damals zur Aufgabe gemacht das abzuschaffen. Da gab es das Datenklo, das Modem zum Selberbauen. Das hieß deswegen so, weil es ein Akustikkopler war, auf den man den Telefonhörer legte und dafür wurden halt Lippendichtungen aus der Toilette verwendet. Der CCC hat die Anleitung dazu verbreitet. Obwohl der unzugelassene Betrieb gegen die Geschäftsbedingungen der Post verstieß und damit eine Ordnungswidrigkeit war. Analog dazu haben wir heute die Situation mit dem Freifunk. Wir verbreiten das Wissen über die Technologie, die dazu notwendig ist Dinge zu tun, die nicht ganz im Sinne der Ordnung sind. Wir schützen uns vor Repressionen und arbeiten mit der “Operation Störerhaft” gegen die Störerhaft, damit sie abgeschafft oder so sepzifiziert wird das normale Mensche, die einfach nur ihren Internetzugang mit ihren Nachbarn teilen wollen, da nicht mehr drunter fallen.

Droid Boy: Gibt es einen Grund, warum Funk und nicht Kabel?
Mic: Ja, mit Funk haben wir erstmalig die Möglichkeit im urbanen Raum überhaupt Telekommunikation dezentral zu betreiben. Damit haben wir zum ersten Mal eine unabhängige Alternative zum Telefonnetz. Der Betreich für WLAN, 2,4ghz, ist zulassungsfrei zu nutzen. Das heisst ich kann mit meinem Nachbarn beliebig viel WLAN machen, ohne das ich gegen irgendeine Ordnung verstoße. Dadurch kann ich das massiv machen und das Konzept maximieren. Und das ist die Idee daran.

Droid Boy: Mic, vielen Dank für das Interview und weiterhin frohes Freifunken!

Freifunk Düsseldorf Freifunk Rheinland e.V.

Zwischen Pragmatismus und Hilferuf

Heute startete die SIGINT, die Hackerkonferenz des Chaos Computer Clubs im Rheinland. In der ersten Podiumsdiskussion der Konferenz gaben sich die Vertreter von Spiegel, Zeit und Golem im großen Saal des KOMED ein Stelldichein. Viel Kontroverse war also vom Panel nicht zu erwarten. Was kam war eine Mischung aus einer Erklärung von dem was man eben machen muss, wenn man Geld verdienen will; und: einem Hilferuf.

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Die Werbung ist kaputt

Ist das noch Zeit Online oder schon die Webseite von Rolex? Das fragte ich mich neulich als ich die von mir eigentlich sehr geschätze Seite besuchte. Es ist ein Symptom eines kranken Systems. Die Aktion großer Blätter, die auf die Nutzung von Adblocker hinwiesen  hatte vor wenigen Wochen die genau Gegenteilige Wirkung: Es wurden noch mehr installiert.
Die Diskussion, die jetzt um das von Sascha Pallenberg hervorgerufene Skandälchen um eben diesen Adblocker Plus erzeugt wurde, hat meine anfängliche Vermutung weiter bestätigt: Die Werbung im Internet ist kaputt. Ich erkläre warum.

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Stinkekarte der #maggikalypse

Es begann mit einem Tweet von Wibke Ladwig:

 

Der Kölner Stadtanzeiger berichtete daraufhin (11. Juni) auf ihrer Webseite:

In Köln hat sich zur Zeit ein unbekannter Gestank ausgebreitet. Bisher konnte die Feuerwehr jedoch keine genaue Ursache feststellen. Daher werden jetzt Messungen im gesamten Kölner Stadtgebiet durchgeführt. Gesundheitsgefährdend soll der Geruch allerdings nicht sein.

Quelle: ksta.de: Unbekannter Gestank in Köln

Es schlossen sich weitere Medien an: Report-K Liveticker, Express, General Anzeiger, koeln.de, Bild.de, Kölnische Rundschau, Radio Köln, WDR.de, Augsburger Allgemeine, Sueddeutsche.de, WAZ, Hamburger Abendblatt, meinestadt.de, kurier.at, welt.de, FAZ, Handelsblatt

Die Ursache des Gestanks war nicht klar, die Feuerwehr hatte aber gleich mehrere Einsatzwagen unterwegs, später sogar einen Hubschrauber.

Um dem Gestank ausweichen zu können, und um der Feuerwehr zu helfen der Ursache auf den Grund zu gehen, erstellte ich recht schnell eine Google Maps, in die jeder eintragen konnte, wo er was gerochen hatte. Recht schnell füllte sich die Karte, schon nach einer Stunde waren etwa 50 Orte markiert. Der Kölner Stadtanzeiger und Report-K hatten die Karte eingebettet. Weitere folgten im Laufe des Tages. Manche nannten die Quelle, manche nicht. Aber so ist das wohl noch als Blogger, da ist man nicht unbedingt eine vollwertige Quelle, auch wenn man sie einbettet oder einen Screenshot davon verwendet.


Köln Stinkekarte auf einer größeren Karte anzeigen

Im Laufe des Tages gab es drei Hashtags. Der Kölner Stadtanzeiger startete mit #chemiemief was recht schnell durch die Assozation, die der Duft verursachte zu #maggiekoeln geändert wurde. Pötzlich war es dann die #maggikalypse, die über Köln und den Rest Deutschlands hereinbrach. Eine Flut an Tweets, die zu lesen den Großteil meines Tages einnahm.

Dienstag, 11. Juni, 10:12 Uhr – Knapp 50 Points of Interest wurden bereits eingetragen. Zum größten Teil von den Kölnern selbst. Ich habe mit 5 Punkten begonnen, die ich aus Twitter und Facebook gezogen habe.

Dienstag, 11. Juni, 11:49 Uhr – Mittlerweile sind die Einttragungenkaum zählbar. Die Karte verzeichnet über 35.000 Besuche. Es werden eigene Icons eingebaut und oft der Titel mit einer Location gefüllt.

Dienstag, 11. Juni, 14:21 Uhr – Mittlerweile ist die Stinkeortekarte auf ksta.de, report-k, koeln.de, WAZ, Handelsblatt eingebettet. Über 70.000 Aufrufe hatte die Karte und über 4.000 Besucher konnte diese Seite verzeichnen.
Und die Ursache für den Maggi-ähnlichen Gestand ist gefunden: Ein Brand in Neuss. Weitere Infos  hier.

Aus einer spontanen Aktion und mit relativ einfachen Mitteln war ich in der Lage über 6.000 Blogbesuche zu generieren und über 90.000 Ansichten der Karte (Stand 12:03 Uhr, 12. Juni).

Mein Tipp also an freie Journalisten: Wagt etwas, auch wenn es erst mal absurd klingt, und nutzt dazu die Tools, die ihr kennt, um schnell und ohne viel Aufwand ein adequates Ergebnis zu erzielen. Für mich hat sich dieser Tag gelohnt, habe viel gelernt und jede Menge Spaß gehabt. Jederzeit wieder!

Mittwoch, 12. Juni: Die Stinkekarte hat den Weg in ein Totholzprodukt gefunden. Wie ist das eigentlich mit Urheberrecht bei einer selbsterstellten Google Map? Eine Frage, die via Facebook gestellt wurde.