Köln 2081

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Ich nehme noch schnell einen Schluck aus dem Wasserschlauch, setze die Schutzkappe wieder auf das Gummi und befestige den Schlauch mit Klettverschluss an meiner Armee-Weste. Ich bin nicht von der Armee, wenn du das denkst. Aber ich gehe jetzt raus. Und da draußen, das kannst du mir glauben, herrscht alles andere als schönes Urlaubswetter. Wann immer du das hier lesen wirst und wie auch immer deine Welt dann aussehen wird: Köln 2081 ist zum kotzen.


Bevor ich meine Wohnung verlasse, muss ich die erste Checkliste durchgehen: Wasser (Beutel mit 1,5l abgekochtem und gefiltertem Wasser), Rucksack (gefüllt mit einigen leeren Behältern, in die ich den Kram packen werde, den ich hoffentlich gleich besorge), Schutzkleidung, bestehend aus Skimaske, in die ich einen Luftfilter reingebastelt habe, Schweißer-Brille, Handschuhe, Over-Ear-Kopfhörer, deren Innenleben ich ausgebaut und mit Filter ausgekleidet habe, den Akkupack für mein Bike in der linken Hand und der Schlüsselbund in der rechten. Um meinem Bauch unter der Armeeweste ist ein Bauchgurt mit kleinen Täschchen. Darin: ein paar Tausend Yen, ein bisschen was zum Verbinden, eine Wundsalbe auf der einen Seite, Maschinenöl und eine kleine Pipette auf der anderen Seite. Das Wasser reicht mir für zwei bis drei Stunden unter freiem Himmel und damit bin ich einigermaßen sicher. Das heißt, wenn ich nicht ersticke. Unter all dem Kram ist es verdammt heiß. Die Brille kratzt, sobald da Staub reinkommt und das Leben mit einer Atemmaske ist alles andere als befreit. Vielleicht werde ich aber auch von Straßenräubern abgestochen und ausgeraubt. Für den Fall habe ich in meinem Stiefel ein Klappmesser. Ein ziemlich großes Klappmesser! Ich habe noch nie jemanden getötet, geschweige denn verletzt. Wo denkst du hin! So schlimm ist es dann auch nicht in Köln. Aber mittlerweile kennt man mehr Leute, die ausgeraubt und verletzt wurden, als Leute, denen noch nie was passiert ist. Manche Leute verschwinden einfach.

Meine Tür ist aus Stahl und war ursprünglich nicht für diese Wohnung vorgesehen. Aber eines kannst du mir glauben: Du willst nicht einschlafen, wenn du nur eine Holztür hast. Unzählige Schlösser verriegeln die Tür von Innen, wenn ich darin bin. Unzählige Schlösser verriegeln die Tür von außen, wenn ich nicht da bin. Zweimal wurde ich schon geknackt, als ich nicht da war. Seit dem gibt es die Regel: Nach jedem Einbruch verdopple ich die Schlösser. Die Schlösser waren schweineteuer. Wenn ich nicht einen Schlosser kennen würde und ich ihm nicht meine Dienste kostenlos zur Verfügung gestellt hätte, dann hätte ich mir das niemals leisten können.

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Wie gesagt, wenn ich die Wohnung verlasse, habe ich zwei Checklisten: Die erste hilft mir gut vorbereitet die Wohnung zu verlassen. Die zweite, sicher die Straße zu betreten. Wenn ich dann vor der Haustür stehe, aktiviere ich auf meinem Pad, dass wie bei einem Astronautenanzug an meinem linken Arm befestigt ist, den Feed meiner Kamera. Die Fenster meiner Wohnung zeigen glücklicherweise zur gleichen Seite wie die Wohnungstür. Über die Kamera kann ich die Straße vor meinem Haus überprüfen, ohne selbst auf die Straße gehen zu müssen. Erst wenn niemand zu sehen ist, mach ich auf.

Jetzt stehe ich draußen, unter gleißendem Sonnenlicht. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann es das letzte Mal geregnet hat. Aber wann es das letzte Mal gebrannt hat. Auch jetzt, da ich die Hitze spüre, riecht die Luft nicht sauber. Es brennt bestimmt gerade wieder was ganz in der Nähe, diesen Geruch kenne ich. Er sticht in der Nase, selbst durch den Atemschutz. Es brennt eigentlich immer irgendwo.

Wenn ich unterwegs bin, bin ich immer mit meinem Bike unterwegs. Es ist ein saualtes Bike. Aber als ich es fand war es in perfektem Zustand. Na gut, vielleicht ist finden der falsche Ausdruck. Ich war in einen Keller eingebrochen. Ich redete mir ein, dass die Eigentümer schon längst gestorben oder ausgewandert waren. Nur um das mal für dich klar zu bekommen: In den letzten 50 Jahren hat sich die Bevölkerung Kölns drastisch reduziert. Warum? Weil sich die Bevölkerung Mitteleuropas drastisch reduziert hat. Wer konnte (und noch lebte), wanderte in den Norden ab, in die weniger trockenen und verwüsteten Landstriche. Das Haus, in das ich eingebrochen war, sah so aus, als wäre hier seit Jahren niemand mehr gewesen. Ich nahm mit, was ich tragen konnte und entdeckte dann dieses Bike, das nicht von völlig alleine fuhr. Es war so ein Bike, bei dem man noch treten musste. Der Akku versorgte einen Motor, der einen bei der Fahrt unterstützte. Das musste wohl von den Anfängen der Elektromobilität stammen. Der Zeit, als man noch nicht wusste, dass das mit dem Klimawandel schon längst unrettbar verbockt war.

Mir sollt es recht sein. Das war besser als das, was andere jemals in die Hände bekommen würden. Ich habe dafür gesorgt, dass das Bike ziemlich unspektakulär aussieht und nicht wie brand neu. Dann habe ich das Bike getestet und die Reichweite des Akkus und baute mir eine Ladestation in meiner Wohnung für den Akku. Strom habe ich nur sporadisch und nur dann, wenn ich genug davon speichere. Nennt mich Mark Watney! Ich bastle mir alles irgendwie zurecht, auf diesem öden Planeten Erde.

Ich wohne an den äußeren Grüngürteln von Köln. Grün ist hier allerdings nichts. Köln war einst dafür bekannt die Stadt mit der meisten Grünfläche zu sein. Heute sind von den Parks und Wiesen nur noch Staub und abgebrannte Baumstümpfe übrig. Staubgürtel würde heute besser passen. Staubig sind auch die Straßen, die meist ziemlich verlassen und meistens auch nicht intakt sind. Wobei staubig auch eine Untertreibung ist. Die Straßen sehen aus wie die Straßen vielleicht in Afrika aussehen. Es ist alles komplett versandet und da der Wind den Sand bewegt, muss man höllisch aufpassen, wenn man unterwegs ist. Wenn ich mit meinem Bike unterwegs bin, ziehe ich eine Staubwehe hinter mir her. Ich begegne meist erst dann anderen Menschen, wenn ich in Richtung Zentrum komme (manchmal auch im Hausflur, wir haben eine ganz coole Hausgemeinschaft aufgebaut). Dort habe ich die meisten Aufträge und da beginnt auch die kontrollierte Zone. Hier schafft es die Garde auch Nachts so etwas wie Sicherheit aufrecht zu erhalten. Will man in die Zone, muss man durch die Straßensperre, die von der Garde kontrolliert wird.

Durch die Straßenkontrolle komme ich immer leicht, denn jeder braucht irgendwann mal einen Boten wie mich. Schwieriger wird es einen geeigneten Platz für das Bike zu finden. Manchmal suche ich eine viertel Stunde. Heute finde ich schnell einen Platz. Zwischen zwei ausgebrannten und zusammengedrückten Autowracks findet sich ein Spalt. Ich schiebe das Rad rein und mache es mit einer fetten Kette fest. Dann gehe ich zu Fuß weiter.

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Ich muss zum Dom. Der Dom, der früher auch mal als Marktplatz diente und dann als Weltkulturerbe Millionen von Touristen anzog, ist heute wieder ein Marktplatz geworden. Und ein Safehouse. Wie durch ein Wunder hat dieses monumentale Gebäude die letzten 50 Jahre seiner tausendjährigen Geschichte überstanden. Es waren mit Sicherheit die turbulentesten 50 Jahre. Mir ist das Gebäude mittlerweile egal. Es sticht aus der ziemlich zerstörten Skyline Kölns heraus, wie eine Ruine aus einem Sandhaufen. Ich komme gerade auf den Vorplatz, ich schaue nach oben und wie so oft sitzen Geier auf den Vorsprüngen und Türmchen des Doms und scheißen alles zu.

Ich stehe jetzt vor der Schleuse. Die Schleuse, durch die man muss, um in den Dom zu kommen, besteht aus zwei Straßenbahn-Waggons, die einen Tunnel bilden und einem Waggon, der oben drauf gesetzt wurde. Die Waggons wurden mit Folien und Tüchern verkleidet , von denen noch Fetzen übrig sind. Ursprünglich sollten sie die Sonne abhalten die Waggons aufzuheizen. Jetzt peitschen und lärmen sie im Wind. Um den Dom ist immer Wind und der Staub und der Sand sind wie eine kostenlose Sandbestrahlung. Um mich herum stehen noch andere Leute, die kaum zu erkennen sind, weil sie sich zum Schutz verhüllt haben. Aber viele von Ihnen sind  Schwarzafrikaner. Sie sind zu sowas wie die normalen Einwohner Kölns geworden. Wenn es das jemals gab. Die nördliche Seite des Doms muss immer wieder vom Sand befreit werden, weil sich dort eine Art Düne bildet. Wer in den Dom will, muss sich anstellen und ist heil froh, wenn man im Tunnel ist. Dann ist man geschützt vom peitschenden Wind und der gleisenden Sonne. Das ist offiziell der einzige Weg den Dom zu betreten und auch wieder zu verlassen. An beiden Enden des Tunnels steht die Garde und kontrolliert auf Waffen und illegale Gegenstände. Beides bekam man zwar in den Dom, musste dafür aber Beziehungen haben, oder genügend Yen, um die Garde zu bestechen.

Jetzt stehe ich vor der letzten Kontrolle. Ich sage dir, es ist so wichtig sich mit den richtigen Leuten gut zu stellen. Wenn ich Glück habe ist gerade Gotty da. Eigentlich Marcus Gotty. Er ist ein hohes Tier bei der Garde und er lässt mich hin und wieder rein, ohne das ich ihn erst bestechen muss. Er ist nicht da und ich zahle ein paar Yen, um reinzukommen. Verdammt, ich  hasse die Garde. Gleichzeitig ist die Garde der einzige Haufen, der dafür sorgt dass hier nicht völlige Anarchie herrscht.

Okey, wie kann ich dir am Besten beschreiben, was im Dom los ist? Erst mal ist es deutlich kühler  als draußen. Atemmaske und Schutzbrille kann ich hier getrost abnehmen und manchmal mache ich auch die Weste auf und ziehe die Handschuhe aus. Hier gibt’s viele Kinder, die jeden erst mal in Empfang nehmen und wenn man nicht aufpasst, dann ist man auch mal schnell was los. Aber eigentlich sind die Kleinen cool, weil sie sowas wie das interne Informations- und Logistik-Netzwerk sind. Und das funktioniert ziemlich gut. Der Dom ist der einzige Ort in dieser gottverlassenen Stadt, in dem es ein WLAN gibt, sponsored by Garde Online. LOL! Und über dieses WLAN bekomme ich Aufträge. Also, der ganze Dom ist im Grunde eine kleine funktionierende Stadt. Unten im Hauptschiff ist der Markt. Hier haben Händler, die gesalzene Standgebühren zahlen, ihre  Stände aufgebaut und hier bekommt man so ziemlich alles, was man so braucht. Den coolen Kram, oder den gefährlichen bekommst du aber eher in einem der Seitenschiffe.

Oben auf der Empore sind die wichtigen Leute, oder die, die einfach viel Geld haben und damit die Macht. Ich muss immer wieder mal hoch, um einen Auftrag zu erfüllen. Aber eigentlich willst du da dich nicht lange aufhalten, sonst gerätst du in irgendeine Scheisse und wirst das Spielzeug eines machtbesessenen Arschlochs. Also, ein gutgemeinter Rat: halte dich von der Empore fern. Ganz vorne steht der Altar und jeden Morgen um 5 gibt es erst mal ein altbackenes Ritual. Erst dann darf es mit dem Handel losgehen. Dahinter laufen viele Burschen mit roten Mänteln herum und da kommst du nur rein, wenn du von der Garde oder der Kirche bist. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was da los ist und es interessiert mich auch nicht. Wie gesagt, der Dom ist echt groß und es befinden sich hier immer bestimmt ein paar tausend Leute. Es gibt ja dann auch noch die Katakomben. Wenn man dich nicht jeden Tag um 10pm rausschmeißen würde, dann könntest du dein ganzes Leben hier verbringen.

Gerade habe ich eine Message reingekommen. Es ist Brian, er schreibt: “Hey Gringo, wo steckst du? Brauchst du was spezielles? Ich habe was ganz Besonderes reinbekommen, den jeder Lieferboy dabei haben sollte, wenn er da draußen unterwegs ist. Übrigens, hast du den Stick dabei, den du mir noch schuldest?” Keine Ahnung, wie er das immer macht, aber er weiß immer wenn ich im Dom bin und dann textet er mich zu. Da ich den Stick nicht dabei habe, versuche ich Ihn zu meiden. Vermutlich will er mir wieder irgendeine Schreckschusspistole oder sowas andrehen. Aber ich halte nichts von Schusswaffen. Das lässt nur die Bestechungsgelder der Garde in die Höhe schnellen. Ich ziehe es vor einfach schon weg zu sein, bevor die Scheisse zu dampfen beginnt. Das ist die beste Taktik, kannste’ mir glauben.

Mittlerweile sitze ich wieder auf meinem Bike. Ich habe zwei Aufträge in der Tasche und habe fast alles bekommen, was ich brauche. Trotzdem werde ich heute gerade mal so viel eingenommen haben, wie ich ausgegeben habe, wenn jetzt noch alles gut läuft. Köln im Jahr 2081 ist echt die Endzeit, die du nur in irgendeiner billigen Kurzgeschichten-Anthologie am Bahnhofskiosk gelesen hast.

Mein Wasserbeutel ist halb leer, all zu viel Zeit darf ich mir nicht mehr lassen. Gegen Abend kommen die schlimmen Jungs raus und es kümmert sich keiner um dich, wenn du auf die Schnauze fällst oder dich jemand vom Bike schießt. In welcher Zukunft du auch immer jetzt gerade wohnst und das hier liest: Pass auf dich auf, Boy. Pass auf dich auf.

 

Diese Kurzgeschichte wurde am 09. August 2018 geschrieben. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig. Die Ähnlichkeit zur Stadt Köln ist absolut beabsichtigt. Passt auf euch auf.